Mit Satzzeichen ist das ja so eine Sache. Hier ein Komma weniger, dort eines mehr – und schon kriegt ein Satz eine völlig neue Bedeutung. Aber im Gegensatz zu Kommata sind Anführungszeichen doch harmlos, oder? Was können die schon, außer wörtliche Rede oder Zitate zu markieren? Falsch gedacht! Die kleinen Strichlein haben echtes Killer-Potenzial: Sie können die Bedeutung eines Wortes ins Gegenteil verkehren. Ein echter Graus für Werbebotschaften …

Da sitzt man nichtsahnend im Restaurant und sucht sich seinen Nachtisch von der Speisekarte, da trifft es einen wie der Blitz: Die bieten ja gar keine leckeren Erdbeeren mit Sahne an, sondern „leckere“ Erdbeeren. Dessert mit Anführungszeichen also. Schmackhaft? Ich weiß es nicht. Ich sehe vor meinem geistigen Auge nur die Bedienung, die von „leckeren“ Erdbeeren spricht und dabei die typische Gänsefüßen-Handbewegung macht. Hmm …

Besonders im Gastronomiebetrieb hat sich eine fragwürdige Verwendungsweise von Anführungszeichen durchgesetzt. In der guten Absicht, einen Begriff auf Werbetafeln hervorzuheben, werden harmlose kleine Anführungszeichen gesetzt. So wie im Teaserbild oben (die Grammatikfehler ignorieren wir an der Stelle mal gekonnt).

Eins ist damit schon mal geglückt: Das „Geburtstagskind“ bekommt besondere Aufmerksamkeit. Aber nicht eine von der guten Art. Die lieben kleinen Gänsefüßchen tut nämlich etwas Fatales: Sie verkehren die Wortbedeutung mir nichts dir nichts ins Gegenteil.

Das heißt: Das reizende Angebot gilt nicht Geburtstagskindern, sondern „Geburtstagskindern“. Super, dann habe ich demnächst mal „Geburtstag“ und bringe noch drei Erwachsene mit! Schade eigentlich, dass die richtig echten Geburtstagskinder dabei leer ausgehen.

Auch an anderer Stelle sorgen Anführungszeichen für einen Beigeschmack:

– Jetzt im Angebot – „deutscher“ Spargel
– Bei uns wird Ihr Auto so richtig „sauber“!
– Kredite so „günstig“ wie nie!

Werbebotschaften kommen auch ohne Anführungszeichen aus – sogar noch besser!

Die Anführungszeichen verpassen den Botschaften einen unseriösen Anstrich und wecken Misstrauen: Enthält das Trifle womöglich holländische Erdbeeren? Sollte ich mein Auto lieber woanders waschen, wo es tatsächlich sauber, und nicht „sauber“ wird. Wirbt das Kreditinstitut neuerdings mit ironischen Botschaften oder wartet hier wirklich ein unschlagbar günstiger Zinssatz auf mich?

Da Werbetreibender kein Interesse daran haben, Kunden misstrauisch zu machen, gehe ich mal davon aus: Der Chinese von eben hat die Absicht, richtig echten Geburtstagskindern ein verlockendes Angebot zu machen – und keinen Zechprellern. Falsch ist diese Verwendungsweise von Anführungszeichen an sich nicht. Sie erfüllt jedoch ihre eigentlich angestrebte Funktion nicht – Wörter hervorzuheben. Stattdessen versteht der Leser die Botschaft ironisch. In Interesse des Restaurants wäre es daher geschickter, eine Fettschrift oder eine farbliche Unterlegung zu verwenden.

Die Doppelbödigkeit und bedeutungsverändernde Wirkung kann natürlich auch in voller Absicht genutzt werden. Beispielsweise als Code oder um Ironie kenntlich zu machen:

– Ich war gestern „krank“.
– Danke, du bist ein ganz „toller“ Kollege!
– Lass uns mal kurz „frische Luft schnappen“! (eine Zigarette rauchen)

Anführungszeichen kommen übrigens nicht nur in Texten vor, sie werden auch munter in Gesprächen verwendet. Hierbei kommen die Finger zum Einsatz, als wolle man Häschen spielen. Und wer es dann immer noch nicht blickt, dem kann man zusätzlich zuzwinkern.

Anführungszeichen erfüllen eine bestimmte Funktion.

Mehr zum Thema „Anführungszeichen“:
Link: Das machst du bei Anführungszeichen immer falsch

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Bilder: privat, Canva (Erdbeeren)

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